Archiv für Juni 2006

Der Mitternachtszug

Schon wieder ein neuer Text:

Der Mitternachtszug

Metal Evergreens #2: Nocte Obducta

Heute: Nocte Obducta – Lethe – Gottverreckte Finsternis

Wenn es um Black Metal geht, versteht der gemeine Anhänger dieser Musik in der Regel keinen Spaß: „true“ muß sie sein, von jeder neumodischen Anwandlung unbefleckt, nicht aber unbefleckt von literweise weißer Schminke. Und wenn sie von nordischen Ariern kommt, wär das auch nicht schlecht. Nocte Obducta aus Mainz waren da immer schon eine Ausnahme: kompromißlos auskomponiert ihre Musik, ungekünstelt ihr Auftreten, mit Sinn für selbstironische Ästhetik, alles in allem eine komplett einzigartige Band, weshalb sie auch gerne angefeindet wurde von Black Metal Puristen oder anderen Schwachmaten. Was sie weiterhin sehr sympathisch macht, ist die Tatsache, daß sie als einzige mir bekannte Black Metal Band mal ein Statement gegen Nazis veröffentlicht haben. Außerdem heißt ihr zweites Album „Taverne – In Schatten schäbiger Spelunken“, und das ist doch wohl mal einfach der beste Titel einer Black Metal Platte, den man sich nur vorstellen kann.
Nun lösen sie sich auf und legen im Winter ihr Abschiedsalbum vor. Mit „Lethe“, einem Lehrstück in Sachen atmosphärisches Geknüppel, hat 1999 alles angefangen. Ich hab mir die CD damals beim örtlichen Händler angehört und mußte beim ersten Mal ob der Perversität des Geschreis und Gekrächzes darauf sofort wieder ausmachen. Keine Ahnung, warum ich sie mir später doch noch angeschafft habe, aber es war jedenfalls kein Fehler.

montagmorgen

Es ist zwar Donnerstag, aber:

neuer Text: montagmorgen

Schluß mit lustig! Rauchen!

Die geistige Konstitution der Deutschen kann man ganz gut an der SPIEGEL-Bestsellerliste ablesen, die monatelang von Peter Hahnes Machwerk „Schluß mit lustig“ angeführt wurde, ein Buch so dumm wie sein Autor, das ideale Sachbuch für das deutsche Volk also, das Volk der Dichter und Denker. Daß Hahne, das protestantische Weißbrot vom ZDF, um ein wenig Zynismus nie verlegen ist, zeigte er auch letzten Sonntag in seiner Kolumne in der „Bild am Sonntag“, wobei er sich teilweise ungewohnt progressiv gab, zumindest im ersten Teil dieses Satzes:

Jeder hat die Freiheit, mit seiner Gesundheit zu machen, was er will

Selbstverständlich muß er als glühender Patriot und Wahnsinniger, der er ist, hinzufügen:

- zumal er durch seine Sucht ja auch kräftig zum Steueraufkommen beiträgt.

Der naheliegende Schluß, auch alle anderen Drogen zu legalisieren, damit sein geliebtes Deutschland durch die zahllosen Suchtkrüppel weiterer Substanzen noch mehr Kohle bekommt, kommt Hahne allerdings nicht in den Sinn, denn er hat keinen:

Durch den Duft der großen weiten Welt lasse ich mir meinen Lebensraum nicht enger machen, die Lufthoheit darf nicht länger den Nikotinkillern gehören.

Ich selbst trinke nur und rauche nicht, weil ich darin keinen Sinn sehe, und kann so immerhin von mir behaupten, dem Staat lediglich durch meinen Alkoholkonsum finanziell behilflich zu sein. Käme mir allerdings Peter Hahne vor die Flinte, ich zögerte nicht, mir eine anzustecken und zum Nikotinkiller zu werden – Hahnes Lebensraum zu beschneiden, es wäre mir eine Freude. Nur schade, daß die große weite Welt es mir durch ihre Bevölkerung vermutlich nicht einmal danken würde – sie kauft Hahnes Pamphlete, sie liest die „Bild“-Zeitung, und sie hält das alles für gut und richtig. Was ist zu tun?

Zum Beispiel das:

- Country-Musik hören
- Anzüge tragen
- in Kneipen namens „Loch“ gehen
- Denis Scheck beim Vernichten der Bestsellerliste zuschauen
- Fahnen klauen
- Zigarren rauchen, vor allem, wenn Peter Hahne in der Nähe ist
- undsoweiter.

Hupe, wenn du frei bist

Der Rausch in Schwarz-Rot-Gold ist befreiend, schreibt Christoph Amend. Eine Täuschung, meint der Maler Markus Lüpertz. Typisch, findet Susanne Gaschke, die Deutschen fühlen immer in Extremen.

Insbesondere letztere Meinung von der Titelseite der aktuellen ZEIT hat es mir angetan: „die Deutschen fühlen immer in Extremen.“ Das taten sie ja auch schon vor 65 und vor 16 Jahren, der „deutsche Typus“ ist eben nicht totzukriegen, laut Gaschke vor allem die Pünktlichkeit und der Ordnungssinn. Richtig, alles hat seine Ordnung zu haben in Deutschland: Arbeit, Freizeit, Massenmord. Und Hupkonzerte.

So wie gestern: wir sitzen vor einem selbstverwalteten Jugendzentrum, dessen Abkürzung AJZ laut Fassadenschriftzug sympathischerweise tatsächlich „ArbeiterInnenJugendZentrum“ bedeuten soll, und die Deutschen fahren, weil ihre Nation im Fußball gewonnen hat, vorbei und hupen. Extrem. Irgendwann wird es einem Besucher des Jugendzentrums, in dem immerhin so clevere Zettel kleben wie „Doitschland verrecke“ und „At War with Doitschland“, zuviel, und er wirft einen Papierschnipsel oder einen Kronkorken gegen ein vorbeifahrendes Auto, aus dem zu allem Überfluß noch penetranter Dummbratzentechno dröhnt. Da die Deutschen, wie wir wissen, extrem fühlen, halten sie an und steigen aus, zwar mit dem Türschloß kämpfend, aber doch mit Erfolg. Der „Asoziale“, wie sie den Übeltäter gleich darauf beschimpfen, flüchtet sich in die antideutsche Trutzburg, um Verstärkung zu holen, der Fahrer des Wagens aber sieht ein, daß er den schätzungsweise 400 Besuchern des Ladens unterlegen ist und schimpft nur ein bißchen drauf los: eine „Frechheit“ sei das, und der junge Mann eben „asozial“. Dann fährt er weiter. „Der Rausch in Schwarz-Rot-Gold ist befreiend.“ Es fragt sich, für wen und wozu.

Über die Tore hab ich mich übrigens trotzdem gefreut.