Archiv für August 2006

Urlaub!

Urlaub!

Tip

Dieses Weblog über Menschen, die auf dem Boden liegen, hat etwas wunderbar meditatives an sich, oder? Man möchte sich sofort zu ihnen gesellen.

Kapelle Petra: Wo ich gern mal wär

An der Ostsee 1980 wär ich gern in Warnemünde,
mit Glenn Danzig Soda trinken, er wohnt ja nicht so weit.
Antifaschistische Lieder singen am Sandstrand unterm Sternenzelt,
deine VEB-Gitarre und eine kleine heile Welt.

Schlangestehen für Rotkäppchen im Spätsommer unter den Linden;
Frankfurt/Oder Carl Zeiss Jena im Plattenbau um acht.
Zur Internationalen tanzen im freien deutschen Jugendlager,
ich werf euch rote Rosen zu am Friedrichstadtpalast!

Weißt du, wo ich gern mal wär, wenn’s nicht so spät wär
Weißt du, wo ich gern mal wär

Russische Holzineinandersteckpüppchenverkäuferinnen ziehen durch das Land;
Rosa steckt an ihren Mänteln und hebt die linke Hand.
Das Kapital im Holzregal gegen Einsamkeit bei Stromausfall,
Gemeinschaftsziel als Reingewinn – Castro-Transport durch Ost-Berlin.

Weißt du, wo ich gern mal wär, wenn’s nicht so spät wär
Weißt du, wo ich gern mal wär

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t&m: Kapelle Petra, die kongeniale Mischung aus Tocotronic und Helge Schneider, von ihrem Album „Schrank“, erschienen 2002 im Eigenvertrieb. Wenn nicht noch ein Unglück über uns hereinbricht, darf in den nächsten Wochen mit ihrem neuen Album gerechnet werden, das auch wieder sehr schön sein wird.

Dance To The Sun!

Kreativitätsstau? Schreibblockade? Nichts los im Chat? Alle Tageszeitungen abgegrast? 80 GB langweilige MP3s auf dem Rechner? Dagegen kann etwas getan werden: auf zu Dance To The Sun und hemmungslos herunterladen, was auch nur irgendwie interessant klingt (also alles). Ich jedenfalls hab mir so gerade eine Stunde schöner neuer Popmusik verschafft und lehne mich jetzt erstmal genüßlich zurück.

Ausstellen tät mal Not – mit Turbostaat gegen das Elend

Sie glauben, wegen Ihrer Unterhaltung hier zu sein. Ich aber weiß, Sie sind hier, um uns Ihre Sympathien und Ihr Geld entgegenzubringen.

(Roland von Turbostaat, sicherlich nicht wortgetreu, aber sinngemäß zitiert, live in „Drei Ecken – ein Elvers“)

Sehr, sehr schön war das, dieses Konzert. Eine Stunde Fahrtzeit mit der Rumpelbahn quer durch das Ruhrgebiet hatte man gerne in Kauf genommen, selbst als in Gelsenkirchen die besonders denkbefreite Fraktion Schalker Fußballfans das Abteil mit ihrer Anwesenheit in ein stinkendes Höllenloch verwandelte, wurde die Vorfreude nicht getrübt darauf, die großartigen Turbostaat „umsonst & draußen“ bewundern zu dürfen. Sicher, damals war es schöner, als die Band noch keine Sau kannte und man sie sich zusammen mit 40 anderen Kennern guter Musik im Kulturausbesserungswerk Opladen oder einem beliebigen anderen autonomen Zentrum anschauen konnte und nicht mit 500 volltrunkenen Freaks, denen die Musik scheißegal ist, auf einem Festival in Oberhausen, aber das sind Turbostaat, und daß sie sich mit dem Teufel eingelassen haben, macht sie nicht weniger sympathisch und ihre Musik zum Glück nicht schlechter.

Heute kennen viele Säue Turbostaat, und die wälzten sich auch bald im Schlamm, als es losging: die filigrane Gitarrenarbeit von Marten und Roland, die Tiefe der Texte und das völlige Fehlen jeglicher Deutschpunk-Accesoires auf der Bühne völlig außer Acht lassend, entwickelte sich unter der komplett besoffenen Ruhrgebietsnachwuchspunkerjugend ein schlammiger Pogo, in den selbst bei wirklich ruhigen Stücken wie „Schwan“ massige Skinheads, die den rigiden Einlaßkontrollen (keine Glatzen!) irgendwie entkommen waren, Einzug hielten wie Eisberge in Schiffe. Die fünf Punks auf der Bühne nahmen’s mit Humor und spielten einen Hit nach dem anderen, wobei sie sich vornehmlich auf alte Sachen beschränkten – nur zwei Stücke vom neuen, hoffentlich bald erscheinenden Album waren zu hören, gute Stücke, die allerdings noch einige Durchläufe auf Platte brauchen werden, bis sie bei mir zünden.

Dem Rest des Publikums gefiel es auch, glaube ich, aber so richtig begeistern konnten Turbostaat das versammelte Pack nicht. Kein Wunder, hatte dieses doch vorher die grausam schlechten Fire In The Attic abgefeiert, eine Band so dumm wie Brot, deren Musik so klingt wie abgestandenes Bier am Morgen nach einer rauschenden Party schmeckt. Auch die Band nach Turbostaat, Gods Of Blitz, bot altbackenen stupiden Hard Rock und wurde trotzdem nicht auf der Stelle des Feldes verwiesen. Eigentlich muß man sich fragen, was eine geniale Punkband auf diesem Festival eigentlich verloren hatte, und auch die geniale Punkband selber schien das zu ahnen, als sie nämlich „Frieda und die Bomben“, die Kooperation mit den Beatsteaks, die ihnen das alles eingebrockt hat, als Zugabe spielte und es ironisch als „gute Überleitung zur nächsten Band“ ankündigte.

Auf der Rückfahrt mit dem Bus zum Bahnhof wurde dann noch einmal alles aufgeboten: eingepfercht zwischen wirklich allen stinkenden Manifestationen menschlichen Elends, die man sich nur vorstellen kann, mußte ich mir ein Gespräch zwischen einem Studenten mit Irokesenschnitt und einer Ü30er-Dame anhören, das sich vornehmlich um das Thema „Und, was machst du so?“ drehte, jene Frage, die ein Indiz für beginnenden Hirntod ist. Manchmal wünscht man sich das ja, Small Talk führen zu können, ohne daß einem schlecht wird, und damit einhergehend seine bürgerliche Existenz wohlwollend anzunehmen, weil man der Überzeugung ist, es gehe halt nicht besser, das sei das Leben, und man selber müsse eben sehen, wo man bleibt, es gebe ja auch noch das Wochenende. Dann kann man nämlich „was machst du so?“ fragen, dann ist „machen“ das gleiche wie „leben“, dann hat man sein Gehirn komplett auf Normalnull herunter sediert und wird bald auch nicht mehr „was machst du so?“ fragen, sondern „was bist du?“, und die Antwort „Bibliothekar“ wird einen zufrieden stimmen.

Gegen sowas steht die Musik von Turbostaat, immer noch, und deswegen war es ein sehr schönes Konzert, trotz allem.

Nachtrag: Sehr gute Fotos, bei denen auffällig ist, wie unglaublich gut gekleidet Turbostaat sind, und eine unglaublich lustige Überschrift gibt es übrigens hier.