Archiv für April 2007

Morgenstund

Ach, ist das schön, wenn die Mitbewohnerin SPD-Mitglied ist und man deshalb am Freitag Morgen neben der aktuellen Titanic auch noch den neuen vorwärts aus dem Briefkasten ziehen muß, um Sätze zu lesen wie „Hundsmiserabel bezahlte Jobs sind mit der sozialen Marktwirtschaft unvereinbar“ oder „Warum lassen wir zu, dass die USA unsere Erfindungen zu Geld machen?“. Fast nämlich hätte man vergessen, warum man gestern ein Bier nach dem anderen in sich hineingekippt hat, um den Haß auf diese bekackte Gesellschaft darin zu ertränken! Es ist zehn Uhr morgens, und ein Bier ist noch im Kühlschrank.

Ich sehe blendend aus

Die Wut ist gut,
Traurigkeit gibt Kraft,
Einsamkeit macht gut aussehen,
weil man soviel heult!

(Japanische Kampfhörspiele, „Es lernt sich von selbst“)

Urlaub auf dem Lande

Dortmund-Kurl. Dortmund-Husen. Begriffe, die allein von ihrer sprachlichen Brillanz leben, ihrer kaum vorhandenen. Haßgeladen und traurig zog es mich ins Nichts – da ich aber keine Lust auf Selbstmord hatte, mußte es eben Dortmund-Husen sein. Das Bahnhofsgebäude von Kurl ist eine halbe Ruine, das Dorf stößt den Gestank von ranzigem verbrannten Käse aus, gewürzt mit etwas Kuhdung, und die örtliche Pommesbude wischt um neun eigenhändig die letzten Gäste raus. Und hier sollte ein Ort sein, der regelmäßig mit nicht allzu schlechten Festivitäten aufwartet?

Aber ja: das Painthouse ist eine sehr sympathisch-rustikale Kaschemme, bietet Jever Pils an (leider nur in Plastikbechern) und die perfekte Bühne für die mächtigen CHEFDENKER. Eine miserable Vorband gab es und eine gute (The Kleins – Altherrenpunkrock, der so einiges kann; inkl. Johnny-Thunders-Cover), dann spielten Chefdenker und taten das, was eine Punkrockband tun muß. Ich hab die ja schon oft gesehen, aber so unglaublich gut waren sie selten. Besonders toll mal wieder die Ansagen von Sänger Claus, der in Anbetracht der Tatsache, daß bald eine neue Platte erscheint, nicht müde wurde zu betonen, daß man heute ausschließlich Stücke spielen werde, die es „nicht auf die Platte geschafft“ haben, sprich: nur alten Scheiß. Es war herrlich! Graf Disco spielte zunächst in einem pinkfarbenen Ganzkörperoverall, dann in einem Lili-Slip und schließlich nackt und betonte bei seiner Bühnenansprache, daß natürlich der FC Schalke 04 Meister werde, was ich frenetisch beklatschte, da wir uns ja schließlich in Dortmund befanden. Der Zugabenblock bestand dann eigentlich aus 5x „Filmriß“, was aber leider auf 2x abgekürzt werden mußte. Danach bin ich auch gegangen, da ich sonst eine Stunde auf den nächsten Zug hätte warten müssen, was ich dank einer Verspätung von einer Stunde auch so tun mußte; ebenso wie eine Horde Punks, die aus der Tatsache, daß es rattenkalt war, den naheliegenden Schluß zogen, einfach mal die auf dem Bahnsteig befindlichen Mülleimer anzuzünden. Gute Idee! Fand der Zugführer dann allerdings nicht, der den Scheiß später löschen durfte, weswegen ich fast noch meinen Nachtexpreß verpaßt hätte.

Na ja. Jetzt wird weiter geweint.

Hansa Pils

Morgens aufstehen, guter Dinge sein, die Sonne anlachen, Kaffee kochen, freundlich sein der Welt gegenüber: mit mir nicht! Ich stehe vormittags auf, bin grundsätzlich schlechter Dinge, strecke der Sonne den Mittelfinger entgegen, vertrage keinen Kaffee, und von der Welt brauch ich wohl gar nicht erst anzufangen. Trotzdem ging es mir heute morgen einigermaßen ansprechend. Daß dieser Zustand von drei Seminaren an der Universität nur temporär angetastet werden konnte, lag vermutlich daran, daß ich, unten im Hausflur angekommen, noch mal schnell die drei Stockwerke hochgehastet bin, um die zuvor vergessene Pille einzuwerfen. Pille am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen! Das stimmt leider nicht.

Kummer und Sorgen habe ich zuhauf, aber sie bringen mich nicht mehr zu Fall. Liegt halt daran, daß Kummer und Sorgen aus den alltäglichen Zerwürfnissen mit der Welt und ihren Bewohnern entstehen und so eine Pille die auch nicht verändern kann – die Antwort „Nicht so gut… liege mit Kapitalismus im Bett“ auf die Frage „Wie geht es dir?“ halte ich für sehr treffend. Aber zurück zum heutigen Abend: ich war also gerade angetrunken und wollte mehr Bier; deshalb ging ich zum Kiosk, um es mir zu holen. Vor mir standen zwei andere Menschen: eine junge Frau, die eine Flasche Vodka und eine Flasche Cola erstand, aber nur mit der Flasche Cola in der Hand abzog – den Vodka hatte sie geschwind unter ihre Strickjacke gepackt –, und ein älterer Herr in Trainingsjacke, der einen 10-Euro-Schein auf den Tresen warf und „Sechs Flaschen Ritter Pils!“ raunte. Hinter mir tauchte just in diesem Moment ein Aktivist des lokalen Schützenvereins „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ auf, stilecht mit Mütze, Zopf und Brille, im Begriff, zwei Hansa Pils zu kaufen, und ich stand davor, in Angst um meine sexy Buttons am Rucksack über meiner total sexy Jogginghose. Und das war eigentlich auch alles, was ich erzählen wollte.

Pädagogik fürn Arsch

Ich bin ja Pädagoge und hab in dieser Eigenschaft neulich ein Praktikum absolviert, währenddessen mir vor allem eines klargeworden ist: Diese Jugend ist in diesem System nicht zu retten; man kann lediglich Schadensbegrenzung betreiben. Wer ernsthaft meint, innerhalb eines radikal selektiven Schulsystems, das – systembedingt – so gut wie alle pädagogischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte einfach mal komplett ignoriert, die Kinder und Jugendlichen, die dieses Schulsystem durchlaufen müssen, richtig zu fördern und zu unterrichten, hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Der Bremer Professor Freerk Huisken kommt zu dem gleichen Schluß, kann das aber dann doch etwas besser ausformulieren. Sein neues Buch „Über die Unregierbarkeit des Schulvolks“ haut dem ganzen idealistischen Lehramtsstudentenpack, mit dem ich mich leider viel zu häufig an der Universität herumschlagen muß, so ordentlich eins um die Ohren, daß es eine helle Freude ist:

Es gehört geradezu zum Prinzip von Pädagogik, die Einrichtungen des Kapitalismus dadurch zu beschönigen, dass man sich die Vorstellung leistet, sie seien in ihrer Zweckbestimmung auch ohne das zu haben, woran sich Lehrer stören: So halten sie eifrig an einer Schule fest, die den Markt mit Berechtigungen füttert, sind aber gestandene Kritiker der Zensurengebung – ohne die eine solche Schule nun einmal nicht funktioniert. So sind sie Anhänger der Familie, mit ihrer Einkommensabhängigkeit und ihrer Erziehungszuständigkeit, schelten aber die Eltern für ihr »Versagen« in der vorschulischen Moralerziehung des Nachwuchses, die in der »modernen Familie« von Doppelverdienern, Schichtarbeitern, allein erziehenden Müttern oder Arbeitslosen zwangsläufig ist. So bringen sie dem Nachwuchs bei, dass Marktwirtschaft, gerade weil sie eigentlich dem Wohl aller Bürger verpflichtet sei, nicht immer so viel Arbeitslose produzieren darf. Sie wollen jedoch nichts davon wissen, dass gerade die Praxis des Heuerns und Feuerns ein Mittel ist, die von ihnen geschätzte Marktwirtschaft am Laufen zu halten. Sie wünschen sich die vollständige bürgerliche Gesellschaft, jedoch immer ohne die not-wendig zu ihr gehörigen »Begleitumstände«, an denen sie sich stören. Sie wollen nicht begreifen, dass das eine ohne das andere nicht zu haben ist. Wenn sie – anders gesagt – die Abschaffung aller aufgelisteten Ärgernisse von der Jugendverwahrlosung über die Arbeitslosigkeit bis hin zur Umweltzerstörung propagieren, dann müssen sie sich klarmachen, dass sie einer Umwälzung der dafür zuständigen Produktionsverhältnisse das Wort reden.

Das komplette Schlußwort des Buches gibts bei neoprene.