Archiv für Juni 2007

Yeah, Israel, Holocaust, Fun, Ferien! Super!

Die schönste Satire ist die reale, also die, die wirklich zum Weinen ist, in jeder Hinsicht. Ein besonders schönes Beispiel befindet sich seit heute auf diesem Blogserver, und ich möchte die Gelegenheit nicht unverstreicht lassen, darauf hinzuweisen. So schreibt die Autorin, eine gewisse „grejpfrut“, dort einführend zu ihrer Israelsolidarität:

Warum eigentlich Israel?

Es fällt mir immer schwer, und in diesem Augenblick besonders, einfache Gefühle, die halt da sind, in Worte zu fassen. Wenn ich diese Frage betrachte, fällt mir gerade mal die Antwort „weil Israel superhypermegageil ist“ ein.

Und damit hat sie die Antwort gegeben, die das „politische“ Post-Antideutschtum eigentlich hinreichend beschreibt. Israel ist „superhypamegageil“, das erklärt alles, das zeigt: hier haben wir es nicht mit einer politischen Überzeugung zu tun, sondern mit einem schlichten Staatsfetisch. Gut, dass das endlich einmal geklärt ist. Aber weiter im Text:

Ich erwarte, um es kurz und knapp auszudrücken, dass ich schon nach wenigen Stunden in Israel (vielleicht schon am Flughafen nach der Landung, während des Fluges oder gar bei der Zugfahrt, wenn wir gerade Frankfurt (Oder) verlassen?) jeden Realitätssinn verlieren werde. Ich werde in einer Traumwelt leben, in der ich mich einfach super fühlen werde, weil ich weiß, dass ich in Israel bin.

Hier erfährt der geneigte Leser etwas gänzlich Neues: Ostdeutsche mit Israelfetisch haben einen Realitätssin! Dieser sieht ungefähr so aus:

Wie habe ich mit Matthieu gelacht, als wir im Januar 2007 im Flugzeug saßen und gerade unser erstes israelisches, absolut köstliches, Mittagessen verspeißt hatten und wir wussten „Jetzt kommen sieben unglaubliche Tage auf uns zu!“?

Hach ja, Flugzeugessen, „absolut köstlich“, weil israelisch, scheißegal, ob es sich dabei, wie in jedem Flugzeug, um eingeschweißte Mikrowellenware handelt! Realitätssinn! Aber „grejpfrut“ hat auch noch mehr, z.B. ein deutsches Gewissen, wenn sie in Yad Vashem, der zentralen Shoa-Gedenkstätte Israels, steht, was zu einem ordentlichen Israel-Funtrip natürlich dazu gehört („Bei jedem Besuch in Israel war ich auch in Yad Vashem.“):

Und natürlich wird es ein mieses Gefühl sein, aber es wird auch ein umso schöneres Gefühl sein, zu sehen, dass Israel existiert, dass Zionismus, als Antwort auf den Tausenden von Jahren alten Antisemitismus, praktiziert wird und dass ich dort Freunde habe, die ohne alltägliche Diskriminierung leben können. Solche schönen Momente werde ich erleben und ich freue mich auf sie – Momente ganz unterschiedlicher Art.

Hach, geil, Holocaust! Immer wieder schön. Aber wird es auch negatives geben in Israel? Vielleicht:

Dann erwarte ich noch scheinbar auswegslose Situationen, wo ich und Matthieu nicht wissen werden, wo wir hin oder was wir machen sollen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es solche Situationen nicht selten geben wird.

Puh, doch etwas Realitätssin bei der jungen Brandenburgerin? Nein:

Aber ich werde mich zugleich freuen über, wie soll ich sagen, „positive Angekotztheit“. Ich denke, dass sind Situationen, in denen alles nervig und belastend ist, ich aber zugleich wissen werde „wow, du kannst so etwas erleben, ist doch super, was für eine Erfahrung blabla“. Eigentlich werde ich mich auf die Situationen freuen.

Was für Drogen gibt es eigentlich in Frankfurt (Oder), die einen derart meschugge machen? Und wie wird der Entzug laufen, in Israel, wenn „grejpfrut“ sie nicht mehr braucht, die Drogen, weil sie ja die blauweiße Fahne den ganzen Tag vor den Augen hat und sich wahrscheinlich auch noch auf einer Parkbank damit zudeckt, wenn sie „positiv angekotzt“ von einem ganzen Tag Unterkunftssuche, Straßenlärm und Menschenmassen versucht, ein paar Stunden zu schlafen? Wir dürfen gespannt sein auf sechs Wochen Blogwahnsinn aus Israel, „dem Land, mit dem ich mich solidarisiere (…), ein Ort, an dem ich mich pudelwohl fühle und (…) in dem Menschen leben, zu denen ich eine besondere Bindung habe.“ Das wird super!

Hör mir bloß auf mit diesen Wochenendberichten

Mittwoch: World/Inferno gesehen. Geiler Scheiß, wie immer. Videos!

Donnerstag: rumgehangen. Heiß.

Freitag: UZ-Pressefest. Ich bin so geil. Mann der Arbeit, aufgewacht! Milosevic gesehen, Regen, DDR. „Ein anderes Bier ist möglich – gleich hier!“ Lüge. Endlich MEW 23! Enttäuschung, keine Genossen da, nur ein vergrätzter Philosoph. Immerhin.

Samstag: Amphitheater, Punkrock, Zeitreise in die 80er Teil II. Bier, Schlamm. Pascow wie immer supergeil, Chefdenker und besonders Casanovas Schwule Seite noch geiler. Togas, Weintrauben, Frauen (luftig), Latein – Punk. Und Disco pinkelt von der Bühne in den Fotograben; er trägt nur einen Brustpanzer. Wo ist der Kollege? Bier, Schlamm, Opa, halt’s Maul. Fotos! Videos!

Hintergrundrauschen: tot.

Kochen mit tenpounds I

Heute: Nudeln von gestern

Man nehme: den Topf voller Spaghetti-Tomatenpampe, der seit gestern auf dem Herd steht, rieche daran (!) und schalte bei negativem Übelkeitsbefund den Herd an. Volle Pulle. Dann greife man ins Regal und nehme ein Glas heraus, fülle es mit etwas Wasser und kippe das Wasser zu den Nudeln, damit beim Erhitzen nicht gleich alles anbrennt. Gut vermischen. Warten, bis es dampft und knistert. Besser vermischen. Immer weiter vermischen, bis alles heiß ist oder wenigstens warm. Dann auf den Teller damit und probieren. Was, es schmeckt noch fader als gestern? Kein Problem: ein Griff zur Chili-Knoblauch-Salz-Mühle behebt jedes allzu fad gewordene Gericht und lädt alle, aber wirklich alle zur Party auf deiner Zungenspitze ein! Dazu nur einfach geschätzte fünf Minuten die Mühle über dem Teller drehen und nochmal alles gut durchmischen. Bon appetit! Den Nachgeschmack kriegt man am besten mit Bier weg.

Bionade: das offizielle Getränk für Idioten

„Bionade: das offizielle Getränk einer besseren Welt“ knallt es in den Großstädten Deutschlands zur Zeit von den Wänden, und die Killerpilzestreetartlinke freut sich. Nun sind Werbekampagnen für was auch immer im Grunde völlig egal, aber es geht hier um Grundsätzliches: um Ästhetik. Und um Wahrheit. Punkt eins: diese Plakate sind nicht schön. Da ist eine Bionade-Flasche in der Mitte, darum Vögel und Blumen und viel gelb. Das ist Kitsch, das ist dumm, das schreit nach Streetart Randale. Zweitens: Bionade ist, wie man u.a. von der taz erfährt, schon als Idee ganz schwachsinnig: aus den gleichen Zutaten wie für das Göttergetränk Bier entsteht durch ein anderes Herstellungsverfahren alkoholfreie Plörre ohne Geschmack. Das heißt: weil jemand falsch Bier braut, entsteht Bionade. Welch Wahnsinn! Eine Welt, in der ausschließlich Bionade konsumiert wird, ist demnach keine bessere, sondern eine schlechtere Welt.

Zudem muß man sich mal fragen, was das soll, sich über eine Werbekampagne zu freuen. Da wird ein Produkt beworben, wie jedes andere Produkt auch, dieses wird – pünktlich zum G8-Gipfel – auf die niedrigsten Instinkte der sog. Globalisierungskritiker ausgerichtet, und am Ende bleibt doch nur: noch mehr Belästigung im Straßenverkehr, noch mehr Umsatz für Bionade und Lohnarbeit wie immer. Ich möchte ja kein Plakatkleber sein; und Bionadeknecht am Fließband erst recht nicht. Übrigens: Bionade gehört nicht zu Coca-Cola, wie immer wieder falsch behauptet wird, es wird lediglich auch von Coca-Cola vertrieben. Auch deshalb können sich die guten deutschen Globalisierungskritiker freuen, stärken sie doch den deutschen Standort durch ihren Bionadekonsum und haben es den Amis mal wieder gezeigt: das Getränk für eine bessere Welt eben.

Vor mir beim Brötchenholen: die Karikatur eines deutschen Vertretertypen, mit häßlicher Jeans und noch wesentlich häßlicherem Hemd, redet wirres Zeug, versteht den freundlichen Verkäufer nicht und drückt ihm dann noch eine „Einladung“ ins örtliche Fußballstadion in die Hand. Darauf zu sehen irgendwas von wegen Jesus Christus und so. Aha, Sektentyp, denke ich, Rekrutierungstrupp. Dann schaue ich an ihm herab und sehe einen Jungen, etwa zwölf Jahre alt, die Haare mit Gel verunstaltet, genau so ein häßliches Hemd an wie der große Verrückte, genau so eine Jeans, genau so ein Gürtel, und ich denke nur: renn, Junge, renn, bevor es zu spät ist, und dann fällt mir auf, es ist bereits zu spät, und kann nur hoffen, daß ich mich irre.