Yeah, Israel, Holocaust, Fun, Ferien! Super!

Die schönste Satire ist die reale, also die, die wirklich zum Weinen ist, in jeder Hinsicht. Ein besonders schönes Beispiel befindet sich seit heute auf diesem Blogserver, und ich möchte die Gelegenheit nicht unverstreicht lassen, darauf hinzuweisen. So schreibt die Autorin, eine gewisse „grejpfrut“, dort einführend zu ihrer Israelsolidarität:

Warum eigentlich Israel?

Es fällt mir immer schwer, und in diesem Augenblick besonders, einfache Gefühle, die halt da sind, in Worte zu fassen. Wenn ich diese Frage betrachte, fällt mir gerade mal die Antwort „weil Israel superhypermegageil ist“ ein.

Und damit hat sie die Antwort gegeben, die das „politische“ Post-Antideutschtum eigentlich hinreichend beschreibt. Israel ist „superhypamegageil“, das erklärt alles, das zeigt: hier haben wir es nicht mit einer politischen Überzeugung zu tun, sondern mit einem schlichten Staatsfetisch. Gut, dass das endlich einmal geklärt ist. Aber weiter im Text:

Ich erwarte, um es kurz und knapp auszudrücken, dass ich schon nach wenigen Stunden in Israel (vielleicht schon am Flughafen nach der Landung, während des Fluges oder gar bei der Zugfahrt, wenn wir gerade Frankfurt (Oder) verlassen?) jeden Realitätssinn verlieren werde. Ich werde in einer Traumwelt leben, in der ich mich einfach super fühlen werde, weil ich weiß, dass ich in Israel bin.

Hier erfährt der geneigte Leser etwas gänzlich Neues: Ostdeutsche mit Israelfetisch haben einen Realitätssin! Dieser sieht ungefähr so aus:

Wie habe ich mit Matthieu gelacht, als wir im Januar 2007 im Flugzeug saßen und gerade unser erstes israelisches, absolut köstliches, Mittagessen verspeißt hatten und wir wussten „Jetzt kommen sieben unglaubliche Tage auf uns zu!“?

Hach ja, Flugzeugessen, „absolut köstlich“, weil israelisch, scheißegal, ob es sich dabei, wie in jedem Flugzeug, um eingeschweißte Mikrowellenware handelt! Realitätssinn! Aber „grejpfrut“ hat auch noch mehr, z.B. ein deutsches Gewissen, wenn sie in Yad Vashem, der zentralen Shoa-Gedenkstätte Israels, steht, was zu einem ordentlichen Israel-Funtrip natürlich dazu gehört („Bei jedem Besuch in Israel war ich auch in Yad Vashem.“):

Und natürlich wird es ein mieses Gefühl sein, aber es wird auch ein umso schöneres Gefühl sein, zu sehen, dass Israel existiert, dass Zionismus, als Antwort auf den Tausenden von Jahren alten Antisemitismus, praktiziert wird und dass ich dort Freunde habe, die ohne alltägliche Diskriminierung leben können. Solche schönen Momente werde ich erleben und ich freue mich auf sie – Momente ganz unterschiedlicher Art.

Hach, geil, Holocaust! Immer wieder schön. Aber wird es auch negatives geben in Israel? Vielleicht:

Dann erwarte ich noch scheinbar auswegslose Situationen, wo ich und Matthieu nicht wissen werden, wo wir hin oder was wir machen sollen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es solche Situationen nicht selten geben wird.

Puh, doch etwas Realitätssin bei der jungen Brandenburgerin? Nein:

Aber ich werde mich zugleich freuen über, wie soll ich sagen, „positive Angekotztheit“. Ich denke, dass sind Situationen, in denen alles nervig und belastend ist, ich aber zugleich wissen werde „wow, du kannst so etwas erleben, ist doch super, was für eine Erfahrung blabla“. Eigentlich werde ich mich auf die Situationen freuen.

Was für Drogen gibt es eigentlich in Frankfurt (Oder), die einen derart meschugge machen? Und wie wird der Entzug laufen, in Israel, wenn „grejpfrut“ sie nicht mehr braucht, die Drogen, weil sie ja die blauweiße Fahne den ganzen Tag vor den Augen hat und sich wahrscheinlich auch noch auf einer Parkbank damit zudeckt, wenn sie „positiv angekotzt“ von einem ganzen Tag Unterkunftssuche, Straßenlärm und Menschenmassen versucht, ein paar Stunden zu schlafen? Wir dürfen gespannt sein auf sechs Wochen Blogwahnsinn aus Israel, „dem Land, mit dem ich mich solidarisiere (…), ein Ort, an dem ich mich pudelwohl fühle und (…) in dem Menschen leben, zu denen ich eine besondere Bindung habe.“ Das wird super!


4 Antworten auf „Yeah, Israel, Holocaust, Fun, Ferien! Super!“


  1. 1 grejpfrut 28. Juni 2007 um 15:46 Uhr

    hey, danke für die gute werbung!!

  2. 2 plastikstuhl 29. Juni 2007 um 16:47 Uhr

    Hach je! Mensch kann sich aber auch aufregen wenn sie/er will…

    Kaum vorstellbar, dass sich jemand derart an einem solchem Fernweh-Blog-Eintrag, wie dem von grejpfrut stört, wenn das Reiseziel IRGENDWO ANDERS gewesen wäre, oder?

    Als schon in Israel gewesene Person kann ich allerdings das von grejpfrut beschriebene Gefühl durchaus nachvollziehen.

    In Israel sind nun mal auf einer Fläche die so groß ist wie Hessen nicht nur Skigebiet und Strand, Religionsgeschichte und Moderne, Yad Vashem und Discos, Konflikt und Friedefreudeeierkuchen, „Europa“ und der „Orient“ näher beieinander als IRGENDWO ANDERS.

    Und ich kenne keinen zweiten Platz auf der Erde, bei dem ich ein ähnlichen Vorfreudebericht erwartet hätte.

    Und das hat nix mit Staatsfetischismus zu tun: Israel nur auf dessen Regierung zu reduzieren machen allein die Antiimps, das tut kein_e kleine_r böse_r antideutsche_r ;-)

    Und: das Essen in der EL AL ist wirklich sehr passabel. Aber das mögen manche Gourmets etwas anders beurteilen.

  3. 3 kulinaria katastrophalia 06. August 2007 um 21:27 Uhr

    Jetzt erst entdeckt — wunderbar!

  1. 1 I loled very hard… | Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 07. August 2007 um 14:07 Uhr
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