Archiv für November 2009

Editors

Neulich war ich auf einem Konzert der Band Editors. Deren Album „In This Light And On This Evening“ hat mich die letzten zwei Monate lang tief berührt, insbesondere die beigelegte Bonus-CD, das Konzert hingegen war ein Kulturschock: ca. 2000 Leute füllten die Halle, überall hingen 1Live-Banner, die Leute sahen so aus wie ich mir die Leute vorstelle, vor denen ich bei Liedern wie „I Want A Forest“ oder „Walk The Fleet Road“ gedanklich flüchte. Dass sie mir bei einem Konzert der Band, die für diese Lieder verantwortlich ist, auflauern würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich suchte einen vernünftigen Platz, um es mir trotzdem möglichst störungsfrei anzuschauen, was relativ unmöglich war: überall waren sie, rempelten mich beim Versuch, nach vorne zu gelangen, an, ließen mich ihr schlechtes Parfum oder Deodorant oder Haargel riechen, und als die Band dann spielte, standen sie in Form zweier extrem gut gelaunter junger Frauen direkt vor mir und tanzten, als seien sie auf einem Wolfgang-Petry-Konzert, kreischend. Allerdings überwiegend zu den älteren Liedern: mit den neuen, unterkühlten und absolut brillanten, mit reichlich Synthesizer ausgestatteten Meisterwerken konnten sie bezeichnenderweise wenig anfangen, ja, sie hatten sogar etwas dagegen einzuwenden, versuchten sie doch „The Boxer“, eine Ballade über Nostalgie und Einsamkeit, dadurch zu zerstören, dass sie die Arme in die Luft streckten, um sie im Takt hin und her zu wedeln. Leider sind meine Blicke nicht tödlich. Auf Lieder der beinahe übermenschlich guten Bonus-CD verzichteten die Editors zum Glück, sie hätten in diesen Rahmen überhaupt nicht hinein gepasst.

No push and no shove
Spit your verbal mace
Hate can turn to love
Not for this human race

(Editors, Walk The Fleet Road)

Die Band hatte übrigens Spaß. Es ist interessant, dass so lebensfrohe Menschen derartige Musik produzieren können. Aber eigentlich ist es auch egal.

EKELHAFT VOLLER SCHUTTLEBUS

Was ich sehr empfehlen kann, ist die neue Titanic. Sie hat es – gemeinsam mit zwei Flaschen Bier und Jörg Juretzkas herzerfrischendem Roman „Das Schwein kam mit der Post“ – mit nahezu jeder zufällig aufgeschlagenen Seite geschafft, einen meiner regelrecht brutalen Anfälle von Kummer der romantischen Natur mit ebenso brutaler Entschlossenheit zur Hölle zu jagen, etwas, was die vorherige Ausgabe, die mit Westerwelle auf dem Cover, nur mit der Wallraff-Satire am Ende hinbekommen hat. Die neue Ausgabe macht das schon mit dem Titelbild, und danach wird alles nur noch besser, aber das kann ja jeder selber sich anschauen, wenn er nicht gerade weinen muss. Denn von der Hölle kommt er wieder, der Kummer, und Titanic ist irgendwann ausgelesen, aber bis dahin: top!

Die Hölle liegt zwischen Köln und Aachen, denn dort taten Titanic, Juretzka und Hansa Pils ihr gutes Werk. Es ist eine Un-Gegend: wann immer man aus dem Fenster schaut, sind da Grasflächen, Lärmschutzwände oder ein Atomkraftwerk, manchmal auch Bahnhöfe, die heißen „Horrem“ oder „Langerwehe“ und sehen auch so aus. Mehr ist da nicht. Da muss man durch, wenn man nach Aachen will. Viele Gründe dafür gibt es nicht, einer davon ist Fußball. An dieser Stelle sei meinem Hass gegenüber modernen Fußballarenen Ausdruck verliehen, doch Halt! War nicht die moderne Fußballarena in Duisburg neulich ein leuchtendes Vorbild? Sie war es: Eintritt für sechs Euro, überdacht, Toiletten und Gastronomie im Block, perfekte Sicht, gute Atmosphäre usw. Aachen hingegen macht alles falsch: Eintritt für 12,50 Euro, überall steht „Event“, und überall sind Ticketschalter, aber man kann an ihnen keine Karten für den Gästeblock kaufen, das geht nur im Gästebereich, der beginnt 100m abseits des Stadions, man muss durch eine Unterführung, und schließlich steht man an einem Block, vor dem einem echtes Bier angeboten wird, aber das bekommt man nicht, und das ist angeblich „immer so“. Der Block selber ist eng, die Toiletten unten, das Stadion komplett in gelb, was will man eigentlich hier? Ach ja, den ersten Saisonsieg sehen. Hat geklappt.

Auf der Rückfahrt gab es dann „Felsgold“-Pils, sehr gut allein schon deshalb, weil es dort, wo andere Bierflaschen blumige Sprüche oder irgendwelche Bilder aufbieten, ohne Not die GDA-Nährwerttabelle für Bier abdruckt. So lernt man noch was, nämlich, dass in Bier 19% des Tagesbedarfs an Zucker steckt. Geil! Schmecken tut es nach Pisse.

Nein: nach gar nichts. Wie schmeckt Urin? Eine Frage für zukünftige Bloggergenerationen, nicht für mich. Ich widme mich daher nun wieder meinen Studien.

We are but lovers

Damn, this place makes a boy out of me
The rain beats my face by the count of three

(Editors, The Boxer)

Ich habe mich nie wie 65 gefühlt, immer wie 15. Ich habe nie das Leben gehasst, immer die Fesseln, die mich hielten; das Geplapper, das Gewühle, das Unverständnis, wenn ich deshalb wütend wurde. Ich habe nie die Kälte gewollt, immer die Wärme. Ich habe nie gewollt, dass die Flaschen fliegen und es unter meinen Füßen knirscht, wenn ich den Boden betrete. Ich habe immer gewollt, dass die Freunde siegen, und ich habe gehasst, dass ich sie nie verstand.

Muss wohl erwachsen werden.

What’s important

So sing for every buried moment that you’d thought would never end.
And sing your fears about the future; and a dirge for faded friends.
For all the love that you had held to, why it somehow failed to keep.
And sing each minute you’ve been frightened; every hour that you’ve lost sleep.
And sing for all your friends and family; sing for those who didn’t survive.
But sing not for their final outcome; sing a song of how they tried.
We live amidst a violent storm; leaves us unsatisfied at best,
So fill your heart with what’s important, and be done with all the rest.

(La Dispute, The Last Lost Continent)

Während der ganz normale Wahnsinn mir zwischen die Schulterblätter kriecht und will, dass ich an ihm teilhabe, ist der November längst in mir drin, und es fühlt sich beizeiten so an, als wolle er möglichst schnell wieder raus. Daneben findet sich doch tatsächlich endlich eine Hardcore-Band, die sowohl textlich als auch musikalisch ausgezeichnet ist: La Dispute; unbedingt hören!