MUSIKALISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2009

Über Musik schreiben ist wie zu Pornographie tanzen. Folgende Alben sind die besten des Jahres:

Platz 10: Herr Neumann – Träumt weiter!
„Träumt weiter!“ ist nicht so gut wie es sein könnte, aber durchaus sehr gut und allemal besser als jeder andere deutsche Pop-Scheiß dieses Jahres. Besonders Clickclickdecker sollte sich schämen.

Platz 9:: Franz Nicolay – Major General
Der Alleskönner aus Brooklyn kann auf seinem ersten Solo-Album alles.

Platz 8: Chuck Ragan – Gold Country
Der Mann weiß einfach, wie man Country spielen muss.

Platz 7: Frank Turner – Poetry Of The Deed
„Singer/Songwriter“, wie man so schön sagt, mit Punk-Attitüde. Ich fand das Album erst langweilig, das ist meist ein gutes Zeichen. Tatsächlich ist nicht ein einziger schlechter Song darauf.

Platz 6: Buried Inside – Spoils Of Failure
Das mächtige zweite Album der mächtigen Buried Inside ist unmöglich in Worte zu fassen.

Platz 5: Sólstafir – Köld
Verdammt kalt, dieses Album. Man kann dazu weinen, feiern, saufen und vielleicht auch onanieren. Wenn man gut ist, schafft man alles gleichzeitig.

Platz 4: Ostara – The Only Solace
Selten hat ein Neofolk-Typ so kitschig und lebensfroh über den üblichen Neofolk-Unsinn gesungen.

Platz 3: Captain Planet – Inselwissen
Angeblich handelt „Blattsport“, der beste Song auf diesem vor besten Songs überquellenden Meisterwerk, das genau das richtige Maß an Weiterentwicklung beinhaltet, vom „Papierkrieg“, dem Sänger Arne bei seiner „Beamtenausbildung“ ausgesetzt ist (ZEIT, FAZ oder so). Egal.

Platz 2: Editors – In This Light And On This Evening
Neun boshaft kalte Popsongs und eine Bonus-EP mit fünf unsterblichen Balladen, die den Begriff „Weltschmerz“ echt mal mit Leben füllen: so könnte es aussehen, das Album des Jahres. Aber da ist ja noch…

Platz 1: The Twilight Sad – Forget The Night Ahead
…denn was diese Band hier veranstaltet, ist einfach nur übermenschlich schön. Vielleicht das beste Album der letzten zehn Jahre, keine Ahnung, auf jeden Fall hat mich Musik selten so gerührt wie die von The Twilight Sad.

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Top 10 2009

1. The Twilight Sad – Forget The Night Ahead

2. Editors – In This Light And On This Evening

3. Captain Planet – Inselwissen

4. Ostara – The Only Solace

5. Sólstafir – Köld

6. Buried Inside – Spoils Of Failure

7. Frank Turner – Poetry Of The Deed

8. Chuck Ragan – Gold Country

9. Franz Nicolay – Major General

10. Herr Neumann – Träumt weiter!

Gerne hätte ich Coverbildchen eingefügt, aber das Amazon-Plugin funktioniert nicht, und ohne ist mir das zuviel Arbeit.

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Andere Alben haben mich ebenfalls berührt, hier seien sie genannt:
Antony & The Johnsons – The Crying Light: Antonys zerbrechliche Stimme und ein Klavier, das klingt, als würde es zärtlich gestreichelt. Sehr schön.
Amesoeurs – Amesoeurs: Leider mit „Heurs“ nur ein wirklicher Hit drauf, aber der hat es in sich, und alles in allem kann man diesen misanthropisch-melancholischen Auswurf wirklich gut anhören.
Graf Orlock – Destination: today: HASS und WUT und ziemlich viele Waffen. Saugeil.
Battle Of Wolf 359 – The Death Of Affect: Freundliche Grind-Misanthropie aus England mit Nerd-Namen. Top auf diesem Gebiet!
Danse Macabre – Einerseits/Andererseits: Nicht so gut wie der Vorgänger, aber schon ziemlich geil eigentlich. Soziologenhardcore.
Audio 88 & Yassin – Zwei Herrengedeck, bitte: Ich bin sehr open-minded, daher habe ich auch ein Hip-Hop-Album gehört. Mit „Kein richtiges Lied“ und „Leg ein Feuer“ sind da zwei Lieder drauf, die mir ganz aus der Seele sprechen.
Ding Dong Dead – Nie wieder morgen!: Etwas zuviel Gefrickel, sonst echt cooler Krach.
Fall Of Efrafa – Inlé: Hat mit „Republic Of Heaven“ wirklich einen Top-Hit, ansonsten ist mir das aber zu eintönig. Ich war beim vorletzten Konzert, da haben sie das Lied dummerweise nicht gespielt.
Findus – Sansibar: Sehr schönes Pop-Punk-Album aus Hamburg. Hab sie erst kurz vor Ende des Jahres entdeckt, daher hier noch ein Nachtrag. Live gesehen, für gut befunden, Platte gekauft, nicht enttäuscht worden. Irgendwo zwischen Trend und Wohlstandskinder, würd ich sagen.
My Dying Bride – For Lies I Sire: Die hohen Erwartungen wurden leider nicht erfüllt, das Album ist ein wenig zu oberflächlich, scheint mir. Aber vielleicht erschließt es sich mir auch erst im nächsten oder übernächsten Jahr.
Solanaceae – Solanaceae: Neues Projekt von Kim Larsen, der sonst Of The Wand And The Moon macht. Nicht so gut wie eben jenes, aber doch recht schöner, leicht psychedelisch angehauchter Folk.
Katatonia – Night Is The New Day: Enttäuschend. Auch wenn ich einer der sehr wenigen bin, die das finden: das Experiment mit dem Keyboard und den ruhigeren Songs ist gescheitert. Nur ein Song, „The Longest Year“, erreicht ansatzweise die emotionale Tiefe früherer Werke.
Affenmesserkampf – Seine Freunde kann man sich nicht aussuchen: Geiler HC-Punk mit Dackelblut-Touch und dem definitiv besten Cover des Jahres.

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Auch Alben, die früher erschienen sind, mir aber dieses Jahr erst so richtig aufgefallen sind, kamen gut an, z.B. „Vergangenheitsschlauch“ von Oiro, das ich mittlerweile sogar für ihr bestes Werk halte. Das stimmt einfach von vorne bis hinten und trifft oft genug genau meinen Scheißdraufnerv. Genau wie Supernichts, deren 2006er-Album „Hamburg Köln Belgrad“ mir viele vergnügliche Stunden beschert hat. Es ist fast noch besser als „Fixpunkte & Böjen“ von 2008. Wer die Band als prollige Spaßband missversteht, sollte sich mal etwas länger mit Liedern wie „Meer gegen Stadt 3:2″ oder „Suzan“ befassen. Saugeil fand ich dieses Jahr auch zum ersten Mal so richtig Mischief Brew, und zwar alles von denen, insbesondere aber „Smash The Windows“ (2005), das wohl das perfekte Folk-Punk-Album ist. Wenn ich es im Frühling ruhiger haben wollte, hörte ich sehr viel „Sonnenheim“ (2005) von Of The Wand And The Moon, ein wunderbar meditatives, melancholisches und dabei aber sehr lebensbejahendes Neofolk-Album. Aus der gleichen Ecke, aber mehr in die Pop-Richtung tendierend, kommen Spiritual Front, die 2006 mit „Armageddon Gigolo“ den „Nihilist Suicide Pop“ erfunden und mir damit dieses Jahr viel Freude gebracht haben. Eigentlich sollte dieses Jahr ihr neues Werk erscheinen, aber daraus ist leider nichts geworden. Die Norwegerinnen Katzenjammer hingegen haben 2008 ihr Debütalbum veröffentlicht, damals ging es an mir vorbei, aber durch ein Video auf dem Blogsport-Planeten wurde ich darauf aufmerksam, und es hat mir sehr viel Freude bereitet!
Gegen Ende des Jahres begeisterten mich dann noch zwei ganz unterschiedliche Bands auf jeweils ihre Weise: La Dispute und My Dying Bride. Während erstere auf „Somewhere at the Bottom of the River Between Vega and Altair“ (2008) ein furioses, ungemein emotionales Hardcore-Feuerwerk gegen alles Ungemach dieser Welt abfackeln (oh ja!) und dabei auch noch, anders als so ziemlich jede andere HC-Band, auch noch lyrisch alles richtig machen, wabern My Dying Bride auf „A Line Of Deathless Kings“ (2006) brutal-doomig aus den Boxen und machen eben so alles Blöde kaputt. Diese Band begeistert mich immer wieder durch ihre Authentizität und ihre Fähigkeit, jedes Album klar nach sich, aber immer auch neu klingen zu lassen. Mein Lieblingsalbum von ihnen, das unglaublich traurig-schöne „The Light At The End Of The World“ von 1999 habe ich daher auch mal wieder rausgekramt und genossen. Und nebenbei haben sie dieses Jahr mit einer Neuvertonung des Volksliedes „Scarborough Fair“ meinen persönlichen Winter-Hit aufgenommen, zu dem sich aber auch noch drei weitere hinzugesellen, nämlich die genialen Lieder von Envy von ihrer 2008er-Split mit Jesu; das beste, was Envy je gemacht haben.

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Was Konzerte angeht, war 2009 nicht so toll wie 2008. Schön waren auf jeden Fall Captain Planet im Januar, ich glaube, ich hab sie dreimal gesehen. Im Sommer stand mal wieder das „Cry Me A River“-Festival in Versmold an, das war auch wie immer sehr schön. Dann fallen mir noch zwei großartige Konzerte ein, The World/Inferno Friendship Society war mal wieder da und hatte in Göttingen sogar Mischief Brew im Gepäck. Auf dem Juicy Beats in Dortmund waren sie auch cool, aber das war auch einfach eine coole Zeit für mich, da ging’s mir richtig gut, und so konnte ich ausgelassen feiern. Jetzt ist alles nicht mehr ganz so cool, aber Oiro neulich im Düsseldorfer AK47 waren dann doch nochmal richtig geil. Schön war auch, dass ich The Twilight Sad (in Münster) und die Editors (in Bielefeld) im November live sehen konnte, aber beide Konzerte waren von den Rahmenbedingungen her nicht optimal. Beeindruckend aber, wie unglaublich intensiv der Sänger von The Twilight Sad auch live die Lieder rüberbringt, er singt sich regelrecht in Trance.
Ach, und wenn ihr mal Alarmstufe Gerd gucken könnt, geht hin, die sind super, vor allem die Ansagen des Sängers.

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So. Das war jetzt nicht sehr toll ausformuliert und so, aber dafür geht’s mir wohl gerade nicht gut genug. Ich wünsche ein schönes neues Jahr, es kommen bestimmt wieder viele tolle Platten raus, und irgendeine Facebook-Anwendung hat mir „eine neue Liebe“ versprochen… na dann! :)


3 Antworten auf „MUSIKALISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2009“


  1. 1 Fenster zum Hoof 23. Dezember 2009 um 15:06 Uhr

    Dieser Kommentar hat nichts mit dem Beitrag zu tun!

  2. 2 micha 09. Januar 2010 um 15:11 Uhr

    also Solanaceae war meine Platte 2009. Auch wenn ich es nicht so gut wie Sonnenheim finde, hat Kim Larsen mit Solanaceae ein wunderschönes Folkalbum herausgebracht. Ich bin gespannt auf seine weiteren Veröffentlichungen. Zu Solanaceae hab ich auf meiner Webseite eine ausführliche Rezension geschrieben, ich hoffe ich darf die hier verlinken (ansonsten einfach rauseditieren :-) ):
    www.resurrection-dead.de/dailydead/Solanaceae-Solanaceae-1543

    (hier fehlt definitiv ein Vorschau-Button ;-) )

  3. 3 tenpounds 21. Januar 2010 um 18:41 Uhr

    Von Kim Larsen habe ich gerade eben eine weitere großartige Band entdeckt: Black Wreath. Hätte ich die früher entdeckt, wäre das Album „A Pyre Of Lost Dreams“ wohl auch im Jahresrückblick enthalten. Unglaublich schöner Funeral Doom.

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