Archiv der Kategorie 'Kommentar'

Zivilcourage, runtergeholt

Ich ging in die Stadt, um meinen Hass neu aufzuladen. Nebenbei wollte ich Brötchen, Bier und Multivitaminsaft erstehen sowie ein paar Pfandflaschen ihrer gerechten Bestimmung zuführen. Alles klappte vorzüglich: den Pfandautomaten bediente eine Studentin der Marke „Julia“, indem sie ihn mit ungefähr 30 leeren Exemplaren von Flaschen der Bierersatzprodukte „Kölsch“ und „Gold“ füllte. Hinter ihr: ein alter, armer Mann mit einer Flasche Vitamalz. Anstatt dass die den im Laufe der Veranstaltung immer verzweifelter dreinschauenden Typen mal vorlässt, steht sie da und kämpft mit dem Automaten, der sich nämlich bei jeder Flasche erst einmal weigert, sie in sich aufzunehmen – verständlicherweise. Zwischendurch schaut die dumme Tuse dann auch noch nach hinten und rollt mit den Augen, so als wollte sie sagen: dieser dumme Automat! Ja! Aber du bist noch viel dümmer, ekelige junge Frau! Da steht ein armer, alter Mann, der nicht mehr lang zu leben hat, und will seine eine Flasche Vitamalz loswerden, und du hast nichts Besseres zu tun als ihm seinen letzten Funken Lebenskraft zu stehlen! Ich sage: so geht das nicht. Da ich aber Zivilcourage nur dann zeige, wenn ich nachts im Regionalexpress zwei ausgewachsenen Knastschlägern begegne, die sich im Laufe unseres Gesprächs dazu entschließen mich umzubringen, schweige ich, denn: es lohnt sich nicht. Meine Laune ist eh schon angekratzt, ich hab Bock auf gar nichts, aber wenn ich jetzt schreiben würde, warum, würden mich alle für blöde halten, also lasse ich’s und hole mir lieber einen runter.

Übrigens: das Motto des diesjährigen Berliner CSD lautet ernsthaft: „Stück für Stück ins Homo-Glück“! Die spinnen doch!

Tag

Am heutigen Tag der Arbeit gilt es innezuhalten.

.

..

Ich bin durchaus gegen Rocco Poloczeks Abqualifizierung des Ghettos als subkulturell geprägter Freiraum fürs PREKARIAT. Ich fühle mich hier recht wohl, was unter Umständen daran liegt, dass ich keine kleine Kartoffel mehr bin. Jedoch kenne ich kleine Kartoffeln, und so weiß ich: solange du über ein Messer und genügend Zigaretten verfügst, ist eigentlich alles in Ordnung. Hin und wieder noch einen Vodka, nun ja, eben alles wie bei den Großen. Wir leben in einer schönen Welt.

Die Welt ist so schön, dass ich schreien könnte. Sicherlich brennen alle meine Leser darauf zu erfahren, wie denn meine Collage aussieht. Ich sage: kommt Zeit, kommt Collage. Heute ist erstmal Arbeiterkampftag, spiegel.de schrieb dazu: „Linksextremisten verbreiten Plakate mit brennenden Polizisten, der Innensenator bringt sich vor Autonomen in Sicherheit – und die CDU erregt sich über ‚No-go-Areas für Demokraten‘“ – schön! Ich habe eine Mandelentzündung, ich kann gehen, wohin ich will, aber ich will nicht. Bitte trotzdem schön feiern. Und „CDU-Mann Kurt Wansner“ fotografieren dabei, wie er „ohne Stand und Schirm, aber möglicherweise mit einer CDU- bzw. Deutschlandfahne“ darauf wartet, verdroschen zu werden!

die k-frage lautet
kann das sein?
könnt ihr denn nicht lesen?
und so war das nicht gemeint
markt ist nicht nur mittwochs
und er ist auch nicht dein freund

(Trend, „Freundliches Feuer“)

Ich sitze so am freundlichen Feuer und kann ja echt nur mit dem Kopf schütteln. Die Welt ist offenbar völlig verrückt geworden, was bestimmt der Grund dafür ist, dass sie immer wieder Sachen produziert, die mich lächeln lassen. Gestern nacht z.B. schaute ich fern. Als erstes schaute ich mir ein Fußballspiel an, das war nur leidlich interessant, DANN ABER: auf meiner Festplatte fand ich die Aufnahme einer Folge der exzellenten Dokureihe „Fremde Kinder“, in der es um Kinder aus anderen Ländern geht, in diesem Falle ein achtjähriges Fußballtalent in Brasilien, und zwar ein ähnlich talentiertes wie Lionel Messi! Das war wirklich schön. Kein Vergleich zur F-Jugend hierzulande. Was läuft da falsch, frage ich mich? Theo Zwanziger wird es wissen.

Eine andere exzellente Dokureihe, die Sendung „Exklusiv – Die Reportage“ auf RTL2, strahlte dann die Episode „140 KILO GEBALLTE EROTIK!“ aus, und zwar haben wir es dabei zu tun mit einer echten Liebeserklärung an das Leben, eine Art Antidepressivum für den kleinen Mann, also mich. Gezeigt wird der Alltag zweier „molliger“ Frauen, und zwar den der „dicksten Hure Berlins“, Molly Luft, eine Frau so sympathisch wie fett, fantastisch, und den einer etwas unbekannteren alleinerziehenden Mutter, die ihre Erfüllung in Flirtchats, einem Frisörbesuch für über eintausend Euro und der abendlichen „Molly-Party“ im Swingerclub findet. Molly Luft verströmt dabei trotz 64 Lebensjahren, 140 Kilo Lebendgewicht, einem Haufen psychopathischer Freier und einer schweren Krebserkrankung eine Lebensfreude, die mir ganz klar gemacht hat, dass ich auf der Stelle aufhören muss zu jammern. Und der Anblick einer Molly-Party im Swingerclub: wer da nicht zu sich selber findet, der macht etwas verkehrt. So wie Gewerkschafter:

Essen. Oliver Burkhard, Chef der IG Metall in NRW, versteht die Wut der Leute, hält aber Aufrufe zu sozialen Unruhen für falsch. Auch Generalstreiks lehnt er ab. „Soll Lafontaine doch dazu aufrufen, es wird ihm kaum einer folgen“, sagt Burkhard im Interview.

Immer feste druff!

Glück

Ich glaube, dass das Leben in Afrika das bessere ist. Man hungert, man friert – aber man kotzt nicht über das Leben in Hollywood.

Franz Josef Wagner ist ein kluger Mann, denn Wagner weiß, was Glück ist. Glück, das ist, wenn man in Malawi lebt, dessen einziger in Europa spielender Fußballnationalspieler sein Geld übrigens bei ROT-WEISS AHLEN verdient, und dort hungert. Das muss man verstehen: Wagner, der die eine Hälfte des Tages zusammen mit VHS-Mitschnitten der Sendung „Anne Will“ onanierend in seiner Wohnung verbringt, und die andere Hälfte des Tages sinnlos in der Charlottenburger Paris-Bar auf die große Liebe wartet, die nie kommt, weil Wagner einfach zu scheiße ist und alle nur Mitleid mit ihm haben, dieser Wagner also, der würde auch gerne hungern. Und frieren. Doch Wagner legt sich nicht einfach in die Truhe und stirbt, nein, Wagner schreibt jeden Tag in der „BILD“ kleine Meisterwerke asozialer Kurzprosa, die so abstoßend wie schön sind. Der Mann ist ein KÜNSTLER, und sollte er irgendwann mal hops gehen, will ich eine Ausstellung seiner besten Werke in der Paris-Bar, und bei der Vernissage, wenn sie alle da sind, die ganze schmierige Entourage der Berliner High-Society, die Diekmanns, Wills und Walzens dieser Nation, dann geht sie hoch, die Bombe, und gute Menschen fühlen das Glück.

Schlechter Service

An der Kasse: die Frau sieht etwas verhärmt aus und packt ihre Tonnen von Süßigkeiten in die Einkaufstasche, die Kassiererin hingegen ist die Freundlichkeit in Person, sie schaut auf und sagt: „Na, schön was Süßes gekauft heute? Muss ja auch mal sein!“ Die Kundin danach ist dick, lässt zwei Schachteln Hühnerfrikassee und eine Packung „Schlemmergulasch“ über den Scanner ziehen und bekommt ein aufmunterndes „Na, muss es schnell gehen heute? Muss ja auch mal sein!“ Nun bin ich an der Reihe. In freudiger Erwartung blicke ich der Kassiererin ins Gesicht: ich habe fünf Flaschen Bier und ein Gurkenglas. Auf mein „Na, mal wieder ordentlich besaufen heute? Muss ja auch mal sein!“ warte ich aber leider vergeblich, stattdessen: „Kassenbon?“ Man sollte sich beschweren!

Lebensunwert

Zur Heimtücke gehöre mindestens, dass ein Täter in „feindseliger Willensrichtung“ agiere, argumentierte der Staatsanwalt. Anna D. dagegen habe zweifelsfrei „aus altruistischen Motiven“ und „zum vermeintlich Besten ihrer Tochter“ gehandelt. Wegen der „außergewöhnlichen Umstände“ und der „Persönlichkeit der Beschuldigten“ beschränkte sich der Ermittler deshalb auf eine Anklage wegen Totschlags in einem minder schweren Fall.

In Hamburg hat eine 76 Jahre alte Frau ihre 53 Jahre alte schwerstbehinderte Tochter mit einer Plastiktüte erstickt, weil sie nicht mehr in der Lage war, sie selber zu pflegen. Dies sei eine „psychische Grenz- und Ausnahmesituation“ und deshalb ok, meinen die Richter: die Tötung behinderten Lebens als eine Handlung „aus altruistischen Motiven“ – das hat Klasse, das geht gut rein, das kann man sich merken. Können sich nicht selber versorgen oder verkaufen wie alle anderen, sind deshalb nichts wert, fallen einem nur zur Last: weg damit, für die Allgemeinheit und: aus Liebe. Und zwar aus jener trotzigen Liebe heraus, die diese Gesellschaft der 53jährigen und ihrer Familie ein Leben lang verweigert hat und sogar jetzt noch verweigert, da sie tot ist. Für Anna D. war es unerträglich, ihre Tochter jener Welt anheim zu geben, die sie ausgestoßen und behindert hat, und Richter und Staatsanwälte tun das, wofür sie da sind: sie bestätigen es ihr und damit die brutale Normalität dieser Gesellschaft. Anna D. kann diese nun genießen; ich gebe ihr zwei, drei Monate.