Tim hörte die Stimmen nur leise, als er sich an die Zimmertür heran schlich. Dann schlich er sich wieder zurück, bis auf sein Bett, an dessen Ende ihn zwei Aufkleber aus Schokoladenriegelpackungen anlächelten: Be happy und Alles klar sagten sie, und Tim verzog das Gesicht und griff dann zu seinem Handy, auf dem er Bilder gespeichert hatte, die niemanden etwas angingen; Bilder, über die geredet wurde.
Beruhige dich, Mariele. Der Junge ist gerade erst vierzehn geworden. Es geht vorbei.
Was geht vorbei, Martin? Jetzt sagst du gleich: es ist nur eine Phase, ja? Aber es ist keine Phase, du hast sie gesehen, die Bilder, und du hast sein Tagebuch gelesen.
Da war Tim zurück gekrochen, so dass er nicht mitbekommen hatte, wie seine Mutter noch etwas anderes sagte, etwas über Liebe, aber Tim hätte das gar nicht hören wollen, und er hätte sich auch sehr anstrengen müssen, denn seine Mutter weinte und schluchzte und verschluckte die Wörter, die sie sagen wollte, Wörter über Liebe und über ihren einzigen Sohn und über dessen Zukunft und die Liebe, die falsch sei, über Kinder, die fehlten, und über die Schmerzen in ihrer Brust, die stärker würden, wenn sie daran denke, was jene so trieben, die es verkehrt herum machten, nein, von Liebe wollte sie da gar nicht reden. Was Gott dazu sagte?

Tim spielte mit seinen Haaren und starrte auf die Aufkleber. Die andere Hand wanderte zu seinem Penis und drückte ihn vorsichtig, dann zuckte sie zurück und der dazugehörige Arm umschlang ihn, auch der andere, er umarmte sich selber, bis er keine Luft mehr bekam, er bewegte seinen Körper immer vor und zurück, presste seine Beine an sich, vergrub seinen Kopf zwischen den Knien. Dann war es vorbei.
Hastig, fast wütend klappte er das Handy auf und starrte Lukas an, er weinte nicht, denn ein Junge weint nicht, er biss sich auf die Zunge und betrachtete jedes einzelne Foto, das er von Lukas gemacht hatte, manche heimlich, manche weniger heimlich, alle zu schön, um wahr zu sein, und Lukas, sein beliebter Klassenkamerad, von dessen Freundschaft er, die Schwuchtel, meilenweit entfernt war, starrte auf nur einem Bild zurück, und er sah nicht so aus, als ob er es toll fände, fotografiert zu werden, aber da musste er durch, denn Tim brauchte ihn, und da er ihn nicht bekam und niemals bekommen würde, hatte er diese Fotos gemacht und sie jeden Tag betrachtet.
Mutter? dachte er. Was bist du für eine Mutter, die mein Tagebuch liest und darüber weint? Ich war dir immer ein guter Sohn, nun habe ich alles falsch gemacht und bin jetzt ganz allein. Mit einem Ruck stand er auf und besah sich die Seiten, herausgerissen aus ihrer schützenden Hülle, wie ein Vorwurf auf seinem Schreibtisch ausgebreitet; vor kurzem waren sie noch im Badezimmerschrank gewesen, versteckt, sehr notdürftig, vor Tobi, seinem Schulfreund. Der hatte es nicht verdient sie zu lesen, obwohl sie häufig zusammen waren, gemeinsam Computer spielten, sich alles sagten. Sie schrieben beide Tagebuch, und da sie sich alles sagten, mussten sie sich auch alles zeigen, denn Freunde machen das so.
Hoffentlich wirst du nicht schwul, hatte Tobi gesagt, als er die Liste gelesen hatte, die Liste derjenigen Personen, in die Tim schon verliebt gewesen war: zwei Mädchen waren darunter, ansonsten nur Jungen, Tobi nicht, um Himmels Willen, der mit seinem Überbiss und überhaupt… aber die Seiten, die nun auf seinem Schreibtisch lagen, die hatte er ihm nicht gezeigt, die hatte nur seine Mutter gesehen: … und weißt du, an wen ich dabei denke, liebes Tagebuch? Ich denke an Lukas Watzke! …
Mit einer entschlossenen Handbewegung griff Tim nach den Blättern, zerknüllte sie fast brutal und steckte sie dann in seine Hosentasche. Er verließ das Zimmer, nahm die Jacke vom Haken und das Feuerzeug vom Küchentisch und hörte nur ganz kurz wieder den Stimmen aus dem Wohnzimmer zu, die nun keine mehr waren, seine Mutter hörte er, aber die sprach nicht mehr, die weinte nur noch. Fröstelnd verließ Tim das Haus durch die Küchentür.

Auf dem Spielplatz war es ruhig, kein Wunder, denn der Himmel war grau, und es würde bald dunkel werden. Kinder in seinem Viertel spielten nur am Tage draußen und wenn die Sonne schien, sie wollten keine Erkältung riskieren und keine bösen Männer, die sie bei Einbruch der Dunkelheit aus dem Gebüsch heraus mit nach Hause nahmen. Tim schaute sich kurz um nach bösen Männern und hoffte, einen zu finden, aber da war niemand, überhaupt war hier niemand, die Ecke war windgeschützt, und niemand konnte ihn und seine Blätter sehen. Er warf sie auf den Boden, bückte sich, zog das Feuerzeug aus der Tasche und hielt die Flamme ans Papier und dann die Hände um das Feuer.
Sie wurden warm, und warm wurde es auch in ihm drinnen, dachte er, er spürte aber nichts, noch einmal schaute er auf – war nun ein böser Mann gekommen? –, aber immer noch Stille und nichts, und er sprang auf und rannte davon.

Seine Mutter saß am Wohnzimmertisch, und Tim setzte sich zu ihr. In der Sekunde, in der es wagte aufzuschauen, betrachtete er genau ihr Gesicht, und er spürte einen festen Stich in seinem Inneren, als er die verquollenen Augen und die viel zu roten Wangen bemerkte und den Blick aus diesen Augen, die ihn ängstlich, traurig und wütend zugleich anschauten, als wollten sie sagen: du hast mich zerstört, mein Sohn, Tim, du hast mich zerstört, und ich werde niemals mehr glücklich sein können.
Was sie sagte, war, dass es eine Phase sei, sicher nur eine Phase, er sei noch so jung, es könne jedem passieren, sicher sei es bald vorbei. Tim glaubte ihr nicht, er wusste, dass er Jungen liebte, er wusste es seit der dritten Klasse, und seit der dritten Klasse schon war es für ihn nicht schlimm gewesen. Tim konnte sich die Kälte in seinem Inneren nicht erklären. Er schaute nicht auf, er konnte es nicht, denn sie war in ihn eingedrungen, in sein Geheimnis, und hatte es herausgezogen ans Licht, wo seine Fratze in ihrer ganzen Pracht sich allen zeigen konnte, eine Fratze, die Tim nicht gekannt hatte bis zum heutigen Tag. Wo kam sie her, diese Fratze? Er konnte es sich nicht erklären. Dann schaute er seine Mutter an.
„Ja, Mama“ sagte er mit leicht brüchiger Stimme. „Ja. Bestimmt. Wein doch nicht. Ich hab’ sie verbrannt, die Seiten.“
Mutters Gesicht hellte sich ein wenig auf, sie lobte ihren Sohn, dann stand sie auf und ging aus dem Raum, und Tim saß alleine da, einige Minuten lang, kaute auf seiner Unterlippe herum und versuchte zu weinen. Als er einige Monate später in der Badewanne lag und an Matthias dachte, der schon auf der Hinfahrt im Bus seine Blicke nicht lange ausgehalten und nach einigen Minuten Was glotzt du denn so? gerufen hatte, war es ihm, als könnte er nicht mehr, also benetzte er die Augen mit Seifenwasser und rieb sie sich dann, und als seine Mutter War da nochmal was? fragte, rief ihr Sohn „NEIN“ und tauchte mit knallroten Augen und leise zitternd unter.