Da sitzen wir also abends und reden über den Kapitalismus und so, und ich agitiere fleißig, und eine Genossin ist so freundlich, die erhitzte Stimmung etwas abkühlen zu wollen, indem sie der grünalternativen Hippiestudentin hastig versichert, ich sei dann doch nicht so vermessen, die Revolution planen zu wollen, da rufe ich dazwischen und schwinge die Flasche: “Sicher plane ich die Revolution!”

Entsetzte Gesichter allerorten, und ich falle hinter meine Thesen zurück und probiere den Backlash: “Aber bitte nichts dem Verfassungsschutz verraten. Keine Gewalt!” Das reicht denen nicht, sie wissen längst, hier sitzt der Staatsfeind, und ich steh auf diese Rolle und lasse sie das wissen, und sie reden ja auch nur dummes Zeug, und irgendwann ist es dann vorbei. Am nächsten Morgen sagt die Hippiestudentin der Genossin, diesen Abend sollten wir doch bitte nur über oberflächliche Themen reden, und ich tue ihr dann auch tatsächlich den Gefallen und schweige einfach, während sie zusammen mit sechs anderen Studierenden “Verdammt, ich lieb dich!” von Matthias Reim intoniert, was mich kaum mehr erschüttern kann, habe ich doch bereits vier Tage Exkursion mit diesen Kretins hinter mir, vier Tage, die den Misanthropen in mir füttern und den Wunsch nach der Neutronenbombe. Aber damit wäre ihnen ja auch nur gedient, das ist genau das, was sie wollen: “den Menschen” schlecht machen, damit sie ihre so selbstverständlich verinnerlichte Ideologie von der guten Herrschaft, die sie, die sie sich ja selber als nicht fähig empfinden, ihre eigenen Zwecke vernünftig umzusetzen, leiten muß, damit die Welt, wie sie ist, weiter funktioniert. Sie haben überhaupt keine Lust, darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die nicht so funktioniert wie sie das im Hier und Jetzt tatsächlich auch wollen. Warum auch, das macht sie ja fertig, das geht ja über ihren Mikrokosmos hinaus, da müßten sie ja evtl. sogar zum Psychiater gehen mit, und dann, dann ist es nichts mehr wert, das folgsam aufgebaute kleinbürgerliche Leben, nach dem sie sich so sehnen. Dann sind sie kaputt.

Ich erzähle das alles also meiner Hansa-Flasche, nachdem die Exkursion vorbei ist und ich an der Bushaltestelle stehe, und sie nickt wissend und lächelt. Der Bus kommt. Kalte, herbe Ehrlichkeit, denke ich und zücke, ebenfalls lächelnd, mein Portemonnaie.