Morgens aufstehen, guter Dinge sein, die Sonne anlachen, Kaffee kochen, freundlich sein der Welt gegenüber: mit mir nicht! Ich stehe vormittags auf, bin grundsätzlich schlechter Dinge, strecke der Sonne den Mittelfinger entgegen, vertrage keinen Kaffee, und von der Welt brauch ich wohl gar nicht erst anzufangen. Trotzdem ging es mir heute morgen einigermaßen ansprechend. Daß dieser Zustand von drei Seminaren an der Universität nur temporär angetastet werden konnte, lag vermutlich daran, daß ich, unten im Hausflur angekommen, noch mal schnell die drei Stockwerke hochgehastet bin, um die zuvor vergessene Pille einzuwerfen. Pille am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen! Das stimmt leider nicht.

Kummer und Sorgen habe ich zuhauf, aber sie bringen mich nicht mehr zu Fall. Liegt halt daran, daß Kummer und Sorgen aus den alltäglichen Zerwürfnissen mit der Welt und ihren Bewohnern entstehen und so eine Pille die auch nicht verändern kann – die Antwort „Nicht so gut… liege mit Kapitalismus im Bett“ auf die Frage „Wie geht es dir?“ halte ich für sehr treffend. Aber zurück zum heutigen Abend: ich war also gerade angetrunken und wollte mehr Bier; deshalb ging ich zum Kiosk, um es mir zu holen. Vor mir standen zwei andere Menschen: eine junge Frau, die eine Flasche Vodka und eine Flasche Cola erstand, aber nur mit der Flasche Cola in der Hand abzog – den Vodka hatte sie geschwind unter ihre Strickjacke gepackt –, und ein älterer Herr in Trainingsjacke, der einen 10-Euro-Schein auf den Tresen warf und „Sechs Flaschen Ritter Pils!“ raunte. Hinter mir tauchte just in diesem Moment ein Aktivist des lokalen Schützenvereins „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ auf, stilecht mit Mütze, Zopf und Brille, im Begriff, zwei Hansa Pils zu kaufen, und ich stand davor, in Angst um meine sexy Buttons am Rucksack über meiner total sexy Jogginghose. Und das war eigentlich auch alles, was ich erzählen wollte.