das ist das lied für unseren kampf. doch wo sind bloß die gefährten? macht das der nebel den sie sähen? frag bloß keinen von den gelehrten. denn die haben ihr herz verloren auf dem weg zu ihrem auto. die anderen stehen vor dem zaunpfahl. was sind das alles bloß für leute?

(der raketenhund, „faller“)

Mittwochabend, das heißt für alle in dieser Stadt ansässigen Studierenden: Komasaufen im „Platz an der Sonne“, einer Kneipe, deren Name sehr treffend gewählt ist, kommen die Temperaturen dort denen in der echten Sonne doch gefährlich nahe, wenn sich auf engstem Raum alle die Menschen versammelt haben, deren gutbürgerliche Studi-Existenz ihnen so sehr auf die Nerven geht, daß sie sich dringend abfüllen müssen, und zwar nicht etwa, wie sich das gehört, auf einer Parkbank oder in einem gemütlichen Lokal, sondern eben hier, wo die Wände mit orangener Wischtechnik verunstaltet worden sind und auch sonst jegliche Menschenwürde beim Betreten abgelegt werden muß. Gerade mittwochs muß besonders viel Würde dran glauben, denn dann kosten 0,4 l Bier vom Faß gerade mal einen Euro, und das läßt sich der gemeine Student natürlich nicht entgehen.

Als Gen. S. und ich die Szenerie erreichen, ist gerade Großkampfzeit. Vor der Tür hat sich eine Schlange gebildet, und der Türsteher gibt uns freundlich zu verstehen, daß auch wir uns bitte anstellen sollen, drinnen seien die Kapazitäten erreicht, es gehe nichts mehr. Wir machen auf dem Absatz kehrt, denn soviel Würde haben selbst wir noch, daß wir uns die Zeit lieber mit einem Bier von der Bude vertreiben, da kostet ein halber Liter 42 cent und schmeckt an der frischen Luft eigentlich auch viel besser als die frischgezapfte Plörre drinnen. An der Nachbarbude, die wir leider zu spät entdecken, gibt es Pils für 40 cent, und wenn man fünf nimmt, bekommt man eins gratis dazu, ja, so ist das hier, wir leben im Kapitalismus, auch im Ruhrpott, da wird mit Haken und Ösen selbst um die Gunst der Penner gekämpft. Trotzdem finde ich den Kapitalismus und sowieso alles scheiße und dokumentiere das heute abend mit einem T-Shirt des Comicduos Katz &Goldt; ein Biber ist darauf abgebildet, ein sehr feist die Pfoten hinter dem Rücken verschränkender, grinsender Biber, und hinter ihm zwei abgenagte Baumstämme, darüber die Botschaft: „Der Biber macht’s richtig: Nagt alles kaputt!“. Genüßlich setze ich die Flasche an, mittlerweile sitzen wir am sog. Stadtgarten, als sich zwei offensichtlich der Metalszene sich zugehörig fühlende Menschen taumelnd, hüpfend und beinahe auf dem Boden rollend uns nähern; die beiden sind komplett voll, dazu noch mächtig bedröhnt und der festen Überzeugung, es handele sich bei uns um Heroinjunkies. Vor uns steht eine Art Skulptur, ein quadratischer Klotz auf einer Säule, ein absolut nichtssagendes Werk von der Stange, aber für die beiden offensichtlich die göttliche Offenbarung menschlicher Schaffenskraft. „Überleg doch mal!“ reißt Gevatter Langhaar die Augen auf, „das ist ein Klotz! Und der ist fest! Fest, Mann!“ Er überzeugt sich noch einmal davon und bemerkt auf der anderen Seite des Klotzes ein Loch. „Ein Loch, Mann! Fest! Überleg mal, was das bedeutet, Mann!“ Sein Kumpane überlegt kurz und gibt dann die überraschende Antwort: „Ficken!“ „Ja, Mann“, dumpft der erste begeistert, „laß uns einen trinken gehen!“ Die beiden verschwinden wankend; wohin? Ja, richtig, sie sind zwar schwarz gekleidet und mögen düstere Musik, aber sie sind bestimmt auch Studenten, und sie gehen Richtung „Platz an der Sonne“.

Trinken gehen wir jetzt auch, mittlerweile haben sich ein paar Bekannte zu uns gesellt, die Schlange ist verschwunden, es ist beinahe Mitternacht, und die Studentenhölle hat ihre Pforten weit für uns geöffnet. Wir betreten sie, machen zwei Bier klar, und ich begebe mich trotz guter Vorsätze wieder in mein bekanntes Verhaltensmuster: stehen, Bier trinken, Small Talk abweisen. Aber da ist ja mein T-Shirt vor. Schon beim Betreten des Lokals hat der lustige Biber einige Blicke auf sich gezogen, irritierte, leicht verstörte, evtl. auch abschätzige Blicke, und als ich an der Theke stehe, bemerke ich, wie neben mir jemand mit jemand anderem über mein T-Shirt redet. „Das ist Destruktivismus“, höre ich, und wieder: „Destruktivismus.“ Er selbst trägt ein Shirt mit einem Barcode darauf, in dem ein Stern zu erkennen ist, er ist also Globalisierungsgegner oder -kritiker oder was weiß ich, jedenfalls mag er „Destruktivismus“ nicht, und er erklärt mir dann auf Nachfrage, man müsse eben Alternativen bereit halten, es bringe nichts, nur immer alles kaputt schlagen zu wollen, da hätten die Ton Steine Scherben eben Unrecht gehabt. Feist wie der Biber grinsend stehe ich da, höre mir diesen Unsinn an, versuche in meinem Billigbiergehirn irgendwo eine passende Antwort zu finden und bleibe sie dennoch schuldig, denn als ich endlich soweit bin, daß ich ihm entgegnen könnte, er wolle mit der Forderung nach „Alternativen“ doch bloß von einer vernünftigen Kapitalismuskritik ablenken und sowieso, was erdreistet er sich eigentlich, meinen lustigen Biber so in den Dreck zu ziehen, „Destruktivismus“, ich geb dir gleich Destruktivismus!, da hat er sich schon weggedreht, und ich stehe alleine da, zwischen drei Small-Talk-Gruppen, wie immer, und nippe an meinem Bier, denn langsam wird mir schlecht, das mit dem Rauchverbot ist eigentlich eine super Idee, „Her mit dem Rauchverbot!“ rufe ich später, denn ohne diesen ganzen Rauch hier drinnen ginge es mir bestimmt auch viel besser, es kann doch nicht sein, daß allein mein Magen dafür verantwortlich ist, daß da heute so wenig Bier reinpaßt. So aber blamiere ich mich noch einmal völlig, als ich mich als unfähig erweise, mit einer wirklich netten Kommilitonin ein Gespräch über Irland zu beginnen, und bemerke plötzlich, daß ich gehen muß, sonst geschieht ein Unglück, und also begebe ich mich an die frische Luft, befreie mein Fahrrad aus einer Urinlache und fahre würgend und hustend nach Hause. Das war eigentlich jetzt kein schlechter Abend, denke ich noch, und wenn erstmal das Rauchverbot da ist, wird auch sonst alles gut. Ich schlafe ein, und ich träume nicht von Klötzen.