Kurz vor knapp erreiche ich den Bahnsteig und sehe in der Ferne des Bus herannahen. Weil ich beim Busfahren besser herausschauen kann, entscheide ich mich für ihn und gegen die Bahn und sitze wenig später in einem vollbesetzten Linienbus auf dem Weg zum Hauptbahnhof, der ersten Etappe meines neuen Wegs zur Universität, und mir geht es dementsprechend. Ich hasse alles und habe zu diesem Zweck Thomas Bernhard dabei, „Ein Kind“, und darin blättere ich, als ich auf dem S-Bahnsteig sitze, und beginne zu lesen, weil die S-Bahn natürlich Verspätung hat.

Keine zehn Minuten später stehe ich in Bochum-Langendreer, denn Bernhard schreibt von Anarchismus und davon, wie unglaublich er sich gefühlt hat, als er als Achtjähriger mit einem gestohlenen Steyr-Waffenrad die 34 km lange Strecke von Traunstein nach Salzburg auf sich genommen hat, dabei natürlich scheitern musste und um drei Uhr nachts auf dem Weg zu seinem Großvater aber stolz den Kopf nach oben reckte, um seinen Triumph zu feiern.

Warum soll ich jetzt noch zur Uni fahren?, denke ich mir und beobachte einen etwa 12jährigen Jungen, der sich hier mit seiner Freundin trifft. Er hat ein Skateboard unter dem Arm und ein Lächeln auf den Lippen. Weil Kinder die einzigen Menschen sind, die noch nicht völlig zu Abschaum geworden sind und ganz sicher keine Universität besuchen, beschließe ich, ihnen zu folgen. Nachdem sie in Richtung eines Waldes auf und davon sind, entscheide ich mich zur Umkehr, um nicht völlig zum Klischee zu werden, und setze mich an die nächste Bushaltestelle.

Hier sitzen und stehen all diejenigen, die überhaupt keine Lust auf Arbeit gehabt und dennoch ihren Achtstundentag gerade hinter sich gebracht haben und nun auf dem Weg nach Hause sind. Mein Hals kratzt, irgendwie ist der Wind jetzt kalt, und sie alle steigen in den Bus nach Castrop-Rauxel. Dann bin ich wieder allein mit Thomas Bernhard, und mir gegenüber ist ein Kiosk in die graubraune Wand eingelassen, aber ich zucke nur müde mit den Wimpern, kein Bier für mich, nicht heute, das wäre ja noch schöner. Ich muss dem Dozenten eine E-Mail schreiben, denke ich, irgendwas mit nicht geschafft wegen persönlicher Probleme oder sowas, das haut immer hin, das wird klappen, ist auch scheißegal, Leben geht weiter, so oder so.

Im Bus schrecke ich irgendwann auf. Eine grell geschminkte und in bunte, billige Klamotten gehüllte Wahnsinnige mit Sonnenbrille beginnt zu zetern, dabei ihr Paderborner Bier schwenkend: er solle sich vor ihr in acht nehmen, das blöde Viech, der blöde Penner, und überhaupt, wenn er ihr noch einmal zu nahe kommt, dann schlage sie ihn aus dem Bus, das könne er sich gut überlegen, und sie hört nicht auf damit, zehn Minuten lang schimpft sie, bis er auf sie zukommt, sie am Handgelenk packt und „’nen Zwanni!“ brüllt, aber sie wehrt sich, und er zieht wieder ab, dann schläft sie ein und lässt ihr Bier fallen. Zwei junge Mädchen mit Palästinensertüchern rümpfen die Nase und beschweren sich, hier stinke ja jetzt alles nach Bier; asozial sei das. Ich inhaliere tief. Das war früher doch auch mal anders, denke ich dann und hole den Bernhard wieder raus.